Anfang diesen Jahres wurde ich gebeten für das Magazin "die Spur" einige Artikel zum Thema Karate/Kampfkunst zu verfassen. Die Zeitschrift erscheint inzwischen nicht mehr, so dass ich nur zu zwei Themen Texte unter sehr eingeschränkten Vorgaben verfasste (Wortzahl, Wortwahl etc.). Die Texte sind entsprechend oberflächlich gehalten, mögen jedoch dem ein oder anderen als ein einführender Einblick nützlich sein.
Sebastian Czapek Nov. 2003
Die vielen Gesichter des Karate
Von der Vergangenheit bis zur Moderne
Frauenselbstverteidigung
Die Angst vor einer Vergewaltigung schränkt die Bewegungsfreiheit ein, und die
körperlichen wie seelischen Schäden sind langfristig und traumatisch. Das Risiko
eines sexuellen Übergriffs stellt für jede Frau eine Bedrohung dar.
Das Risiko richtig einschätzen
Nur 3 Prozent aller registrierten Straftaten sind Gewalttaten. Vergewaltigung
und sexuelle Nötigung kamen 1999 auf einen Anteil von 0,1 Prozent. In den
meisten Fällen trat der Täter dabei alleine auf. In deutlichem Gegensatz dazu
steht die Kriminalitätsfurcht der Deutschen. So geben etwa 15% der Frauen an,
Furcht vor einer sexuellen Straftat zu haben. Diese Zahl war gleich nach der
Wende in Ostdeutschland fast doppelt so hoch. Hieran lässt sich gut erkennen,
dass die subjektiv empfundene Bedrohung häufig von dem realen Risiko abweicht.
Kriminalitätsfurcht vermindert jedoch nicht nur die Lebensqualität, sondern sie
führt zu unangemessenen Reaktionen. Das kann sich in einem vollständigen
Verdrängen des Problems und dem Glauben daran, dass einem schon nichts passieren
werde, äußern. Genauso aber auch durch zweifelhaftes Hochrüsten mit allerlei
technischem Gerät und einem ungesunden Misstrauen gegenüber allem Unbekannten.
Dabei ist gerade hier ein Umdenken nötig. Die Statistik zeigt nämlich auch, dass
drei Viertel der vergewaltigten Frauen von einem Bekannten angegriffen wurden.
Oftmals sind es Arbeitskollegen oder Männer aus der Umgebung, die ihr Opfer
schon länger beobachteten. Die Kriminologen gehen sogar von einer sehr großen
Dunkelziffer bei Sexualdelikten innerhalb von Familien aus.
Wehret den Anfängen!
Auch der Sexualstraftäter möchte sein Risiko in der Regel gering halten. Das
kann er besser, wenn er das Verhalten seines Opfers einschätzen kann und sich z.
B. bei der Durchführung der Tat in einer sicheren Wohnung befindet, als wenn er
über eine Unbekannte in einem dunklen Park herfällt. Seine Motivation wird
sicherlich gebremst, wenn er weiß, dass sein Opfer jede sexuelle Straftat sofort
anzeigen würde oder im Zweifelsfalle auch mal laut und energisch auftreten und
überzeugend „nein“ sagen kann.
Es wäre sicher ein übertriebenes Misstrauen, dem Mann, der einem beim Tragen des
schweren Koffers auf der U-Bahntreppe helfen will, eine kriminelle Absicht zu
unterstellen. Tut er dies aber auf offener Straße und in der Nähe der eigenen
Wohnung, sollte man keine Skrupel davor haben, auch einmal unhöflich und
ablehnend zu erscheinen. Denn selbst wenn es an diesem Tag noch nicht zu einer
Straftat käme, so hätte der Mann nun einen genauere Kenntnis der Wohnsituation.
Besondere Vorsicht ist sowieso immer bei der Bekanntgabe von Anschrift und
Telefonnummer, sowie bei Auskünften über mögliche Mitbewohner zu wahren.
Hat sich ein Sexualstraftäter erst einmal das Vertrauen seines zukünftigen
Opfers erschlichen, werden Sicherheitsmaßnahmen wie die Sperrkette an der Türe
oder das Tränengas meistens erst gar nicht mehr zum Einsatz kommen. Zudem ist
der rechtliche Nachweis eines Sexualverbrechens wesentlich schwieriger, wenn der
Täter, auch ohne Anwendung von Gewalt, bis in die Wohnung vordringen kann.
Brenzlige Situationen
Leichter als bedrohlich zu erkennen sind Situationen, in denen ein Unbekannter
einem zu nahe tritt. Trotzdem kann man noch darüber spekulieren, ob der Mann,
der verdächtig lange auf nächtlicher Straße hinter einem her läuft, dies nur
zufällig tut. Allerdings sollte man sich klar darüber werden, dass eine solche
Situation für eine Frau an sich schon ungewöhnliches Vorgehen rechtfertigt. Gibt
es keine Möglichkeit auszuweichen oder die Nähe von Menschen zu finden, sollte
der Unbekannte direkt angesprochen werden. War es ein Missverständnis, so ist
dieses damit schnell geklärt. Sicher bekommt aber der Plan eines eventuellen
Sexualstraftäters durch diese Handlung eine unerwartete Wendung. Wichtig ist es
jetzt, laut und resolut aufzutreten. Nichts fürchtet ein Sexualverbrecher in
diesem Augenblick mehr als Aufmerksamkeit zu erregen und auf einen Widerstand zu
treffen, der seine Erwartungen übertrifft. Im Zweifelsfalle kommt es nicht mehr
auf die Wahl der Worte an, sondern darauf, dass diese kraftvoll geschrieen
werden. Nach einer neueren Untersuchung konnte jede zweite überfallene Frau eine
Vergewaltigung durch lautes Schreien abwenden. Um so überraschender ist es, dass
nur die Hälfte der bedrohten Frauen dieses Mittel einsetzte. Das erste hier
empfohlene technische Hilfsmittel ist damit nicht etwa Tränengas sondern eine
Trillerpfeife.
Wenn der schlimmste Fall eintritt
Der schlimmste Fall tritt dann ein, wenn nicht länger über die Absichten des
Gegenübers gerätselt werden muss. Es herrscht jetzt Klarheit, und schnelles
Handeln ist erforderlich. Lange Zeit wurde davon abgeraten, sich allzu heftig
körperlich zu Wehr zu setzen, da man davon ausging, dass durch die gesteigerte
Aggressivität in erster Linie die Frauen zusätzlichen Schaden nehmen würden. Man
setzte auf Verhandlungstaktiken, in der Hoffnung, der Täter würde sich
deutlicher der Schwere seiner Tat bewusst und in Folge vom Opfer ablassen. Diese
Strategie war aber nur teilweise erfolgreich. Neuere Untersuchungen zeigen, dass
zwei Drittel der Fälle, in denen die Frauen dem Täter massive Gegenwehr
entgegenbrachten, ein positives Ende nahmen. Leichter Widerstand hatte dagegen
fast nie etwas bewirkt, denn schließlich musste der Täter ja mit diesem rechnen.
Hier stellt sich nun die Frage, wie man sich auf massiven körperlichen
Widerstand vorbereiten kann. Im Grunde ist jede sportliche Betätigung, die einen
gesund und beweglich hält, dazu geeignet. Spezielle Techniken zur
Selbstverteidigung finden sich natürlich auch in allen Kampfkünsten. Allerdings
berücksichtigen wenige der dort durchgeführten Übungen das meist extreme
Kräfteungleichgewicht, das zwischen einer Frau und ihrem Vergewaltiger herrscht.
Eine interessante Variante der Frauenselbstverteidigung stellt das „Model
Mugging“ dar. Hier steckt der angreifende Übungspartner in einem
überdimensionalen Ganzkörperschutzanzug, der ihm nicht nur ein beeindruckend
massiges Auftreten erlaubt, sondern ihn auch beliebig unkontrollierte und
heftige Gegenwehr des anderen unbeschadet überstehen lässt.
Dringend muss man vom Gebrauch von Waffen abraten. Das Risiko, dass die Waffe
sich gegen einen selbst richtet ist viel zu groß und die Chance, dass man sie
rechtzeitig zum Einsatz bringt dagegen viel zu gering. Waffen benötigen sehr
viel Übung, und selbst Tränengas wird schon durch leichten Wind unberechenbar.
Mit einem funktionierenden Mobiltelefon und einer Trillerpfeife ist man
vermutlich besser auf sexuelle Übergriffe vorbereitet.
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Ergänzungen zum Thema "Handeln bei Gewalt":
Datum: 23.03.2004
Ressort: Lokales
Autor: Brenda Strohmaier
Seite: 17
"Manchmal hilft nur weglaufen"
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/0323/lokales/0041/index.html
Datum: 23.03.2004
Ressort: Lokales
Autor: Lutz Schnedelbach
Seite: 17
"Wir stehen alle noch unter Schock"
ZIVILCOURAGE - Thomas P. starb, weil er einen Randalierer stoppen wollte. Er ist nicht der einzige, dem sein Mut zum Verhängnis wurde. Die Polizei erklärt in Kursen, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/0323/lokales/0033/index.html
Datum: 23.03.2004
Ressort: Lokales
Autor: -
Seite: 17
Blumenhändler half - und wurde erschossen
Couragiertes Eingreifen hat manchmal schlimme Folgen. In den vergangenen zwei Jahren wurden bei vier tragischen Fällen Menschen, die beherzt helfen wollten, schwer verletzt oder sogar getötet.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/0323/lokales/0045/index.html
Die vielen Gesichter des Karate
Karate ist keine festgeschriebene Einheit effektiver Kampftechniken, deren
Geheimnis seit Urzeiten in nebelumwobenen japanischen Bergklöstern gehütet und
konserviert wird. Es ist die fortlaufende Synthese einer Vielzahl kultureller
und politischer Einflüsse, deren Wirkungskreis heute nicht mehr nur auf den
asiatischen Raum beschränkt ist. So findet man hierzulande eine unüberschaubare
Menge von Karate-Gruppen, deren Schwerpunkt mal auf dem traditionellen Bewahren
oder dem modernen Weiterdenken liegt. Man findet Menschen, die ihren sportlichen
Ehrgeiz ausleben oder solche die sich eher gesundheitsorientiert betätigen
wollen. Und man findet Karateka, die sich vorwiegend den philosophischen Themen
zuwenden und wieder andere, die Techniken für einen effektiven Selbstschutz rein
praxisorientiert und aus beruflichen Gründen einstudieren. Viele der Vereine und
Dojos (Dojo = traditioneller Übungsraum) legen Wert auf einen fundierten Bezug
ihres Trainingsstils zur japanischen Vergangenheit und wünschen sich damit das
„echte“ Karate zu repräsentieren. Doch wer sich näher mit der Geschichte dieser
Kampfkunst beschäftigt, wird feststellen, dass sie alle gleichsam ein bisschen
richtig liegen, aber auch ein bisschen falsch.
Von der Vergangenheit bis zur
Moderne
Seinen japanischen Ursprung hat die Kampfkunst auf der Insel Okinawa, als vor
etwa 500 Jahren ein Waffenverbot die einfache Bevölkerung zur Suche nach
Alternativen zum bisherigen Selbstschutz zwang. Neben dem Einsatz der bloßen
Hände, wurde auch der kämpferische Umgang mit einfachem Arbeitsgerät, wie
Dreschflegel oder Hammer geübt, aus denen sich später die klassischen Waffen des
Karate entwickelten. Zu diesem Zeitpunkt war die Kampfkunst noch frei von jedem
geistigen Überbau und verfolgte einen rein praktischen Zweck. Damit unterschied
sie sich von den edlen Kampfkünsten der Samurai, welche bereits mit den
philosophischen Ideen des Zen-Buddhismus in Verbindung getreten waren. So wird
z.B. in der hoch kultivierten Lehre des Kyudo, dem Weg des Bogenschiessens,
nicht nur der kriegerische Aspekt völlig in den Hintergrund gedrängt, auch jede
sportliche Ambition ist dadurch ausgeschlossen, dass dem eigentlichen Treffen
des Zieles mit dem Pfeil kaum eine Bedeutung zugemessen wird.
Das Karate nahm jedoch schnell einen festen Platz in der Tradition Okinawas ein.
Die damals verwendeten Schriftzeichen für das Wort „Kara-Te“ lassen sich am
einfachsten mit „China-Hand“ übersetzten, was den starken Einfluss chinesischer
Handelsleute und Seefahrer auf die Kampfkunst erahnen lässt. Erst sehr viel
später verdrängt ein anderes Schriftzeichen dasjenige für „China“ und will damit
den Anspruch auf einen Platz in der Reihe der zen-buddhistischen Künste kundtun.
Karate nennt sich seitdem „Leere Hand“. Es betont damit nicht nur seinen
Verzicht auf den Einsatz von Waffen, sondern legt auch eine gänzlich
unaggressive Geisteshaltung als Grundlage für das Studium dieser Kampfkunst
fest.
Die prominenteste Figur, die im Zusammenhang mit diesem Wechsel zum „modernen“
Karate in Erscheinung tritt, dürfte der Schullehrer Gichin Funakoshi gewesen
sein, der dem Karate in ganz Japan zu großer Popularität verhalf. Funakoshi, der
nach eigenen Angaben ein kränkliches Kind war, sah sich der Kampfkunst, für das
erzielte körperliche und geistige Wohlbefinden, verpflichtet. Er betrachtete
Karate als kulturelles Allgemeingut und zukünftigen Volksport Japans und wehrte
sich strikt gegen die Einführung eines zusätzlichen traditionellen Stiles unter
seinem Künstlernamen Shoto - erfolglos. Heute ist der Karatestil Shotokan einer
der weltweit am bekanntesten. Die internationale Verbreitung nach dem zweiten
Weltkrieg erfolgte vor allem durch die in Japan stationierten amerikanischen
GIs. Eine unterhaltsame Anekdote ist in diesem Zusammenhang, dass der Weltstar
Elvis Presley während seines Militärdienstes in Deutschland in Bad Nauheim
Karate trainierte. Wer seine späteren Tanzschritte aufmerksam verfolgt, kann mit
etwas gutem Willen sogar die ein oder andere Karate-Stellung erkennen.
Wohin gehst du Karate?
War man noch in den 70er und 80er Jahren bereit, den Ideen der aus Japan
eingeflogenen Großmeister bedingungslos zu folgen, so führt inzwischen die
Kritik an der Versportlichung und Verkommerzialsierung der Kampfkunst zu einigen
bemerkenswerten Entwicklungen. Einzelne Stilelemente des üblichen Trainings
werden heute immer häufiger hinterfragt. So sind bestimmte Verhaltensregeln im
Dojo oder auch der Personenkult um die alten Meister eher Teile der
mittelalterlichen japanischen Gesellschaft, als ein entscheidender Inhalt der
Ideen des Karate.
Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner oder auch nach der Essenz
von 500 Jahren wechselhafter Karategeschichte, hat der junge Verband Shotokai
Karate Deutschland den Leitsatz des oben erwähnten Gichin Funakoshis als Maßstab
herangezogen: „Karate ni sente nashi“ wird gerne mit „es gibt keinen ersten
Angriff im Karate“ übersetzt. Hiermit möchte man den defensiven Charakter seiner
Einstellung zum Kampf betonen. Tatsächlich aber ist dieser Spruch von der Art
eines Koans, also einer Zen-Buddhistischen paradoxen Aussage, welche über den
Widerspruch die Schranken des rationellen Verstandes durchbrechen soll. In
diesem Sinne müsste die Übersetzung von Funakoshi „es gibt überhaupt keinen
Angriff im Karate“ lauten; denn der Vorbereitung auf einen defensiven Angriff
liegt genau dieselbe aggressive Geisteshaltung zu Grunde, wie der Planung eines
präventiven Vorgehens. Die Idee des Shotokai liegt damit, so modern sie ist,
ganz in der Tradition der ständigen Weiterentwicklung des Karate. Sie hat den
Gedanken der Selbstverteidigung dabei in keinster Weise aufgegeben, möchte aber
darauf hinweisen, dass deren praktische Verwendbarkeit in unserem heutigen
Rechtsstaat eine andere ist, wie die im Japan des 16. Jahrhunderts. Modernes
Karate hat, ganz in der Tradition von Funakoshi, steht’s das Geistige und
körperliche Wohlbefinden seiner Trainingsteilnehmer vor Augen. Es ist in der
Lage Übungsformen zum Selbstschutz anzubieten, wie sie die jeweils aktuellen
Lebensbedienungen erfordern. Ob im mittelalterlichen Japan mit der Mistgabel ein
Samuraischwert abzuwehren ist, oder im modernen Europa der Sturz auf einer
Rolltreppe heil überstanden werden soll, spielt dabei letztendlich keine Rolle.